Blut und Tränen
von Claudine Damay
Welch ein Pech! Seit 50 Jahren mache ich um alles, das nur schon im Entferntesten wie eine Nadel aussieht – egal ob zum Nähen oder Stricken – einen grossen Bogen. Ich kann das nicht, denn ich sehe ja nichts. Und das hat nichts mit Unaufrichtigkeit zu tun, ich gewinne meiner Behinderung lediglich etwas Positives ab. Warum sich mit etwas abmühen, das die Sehenden problemlos können? Zumindest einige unter ihnen. Und was erhalte ich nun zum Testen? Einen automatischen Einfädler!
Entweder kann man’s oder eben nicht. Die erste Herausforderung ist schon mal Nadel und Faden zu finden. Gott sei Dank gibt’s in den Hotels jeweils diese kleinen Nähsets. Dann schauen wir uns das Ganze doch mal von Nahem an. Ach nein, besser nicht… Sie werden gleich noch erfahren weshalb. Ich erkläre Ihnen zuerst das Vorgehen, denn die Gebrauchsanweisung ist ganz, ganz klein geschrieben und alles andere als verständlich.
Vor sich haben Sie eine weisse Grundplatte mit einem roten Ding drauf. Nun schieben Sie dieses Ding in die Führungsschlitze der Grundplatte. Oben befindet sich eine Art kleiner Kamin, in den Sie die Nadel mit der Öse voran hineingleiten lassen. Dann legen Sie den Faden dahinter und drücken den weissen Knopf. Das wär’s, es ist eingefädelt. Ziehen Sie die Nadel vorsichtig wieder heraus.
So zusammengefasst klingt es ganz einfach. Drücken Sie aber ein bisschen zu fest, so spickt alles davon. Dann brauchen Sie einen Magneten, um die Nadel wieder zu finden und müssen einen neuen Faden nehmen. Der andere wird im Staubsauger enden. Darüber hinaus muss man ganz vorsichtig sein. Denn man hat gute Chancen, sich beim Kontrollieren, ob sich die Nadel auch ganz gerade in ihrem Trichter befindet, einen blutigen Finger zu holen. Desinfektionsmittel und Pflaster sind unerlässlich.
Doch es wird noch gefährlicher. Die Nadel schaut nämlich weit aus ihrem Trichter hervor. Wenn Sie mit dieser Vorrichtung ohne hinzuschauen umgehen können, dann wahrscheinlich deshalb, weil Ihr Sehvermögen zum Nähen nicht mehr ausreicht. Sie haben somit wie ich begriffen, dass es zwecklos ist, seine Energie mit solchen Aktivitäten zu verschwenden. Sehen Sie hingegen noch genug, um zu nähen, aber nicht mehr gut genug, um eine Nadel einzufädeln, dann werden Sie sich reflexartig nach vorne beugen, um besser sehen zu können. Dabei laufen Sie Gefahr, sich mit der Nadel ins Auge zu stechen. Und dies ist mein voller Ernst, denn diese Gefahr besteht wirklich.
Wenn Sie also diesen Witch Nadeleinfädler benutzen, dann kommen Sie dieser Nadel um Himmels Willen nicht zu nahe. Sitzen Sie einfach ganz gerade auf Ihrem Stuhl und bedienen Sie das Gerät mit Ihren Fingern.
Dass ich das Gerät mit der Note 2 bewerte, liegt weder an der Funktionsweise noch am Preis (CHF 2.50, SZB-Art. Nr. 09.190), sondern an der Gefährlichkeit der Vorrichtung. Dass ich kein Nähprofi bin, haben Sie wohl bemerkt. Und was ich verhindern will ist, dass jemand nochmals dasselbe wie Louis Braille erfahren muss, der so sein Augenlicht verloren hat. Es ist nämlich nicht sicher, dass daraus eine ähnlich geniale Erfindung wie diejenige von Braille resultiert.
Benotung
2 Punkte in der Werteskala von maximal sechs Punkten.
