Die Orif ist bereits gut vernetzt

von Denise Cugini

Die Orif wurde vor über 60 Jahren gegründet und bietet bedürfnisgerechte Ausbildungsgänge für Menschen an, die aus gesundheitlichen Gründen ihren Platz im Arbeitsmarkt wiederfinden oder noch finden müssen. Mit dieser individualisierten Dienstleistung möchte man den Bedürfnissen von Menschen, die sich in einer schwierigen Lage befinden, bestmöglich gerecht werden und ihnen maximale Chancen für eine Integration oder Wiederintegration in die Arbeitswelt bieten. Direkte Arbeit vor Ort und eine enge Zusammenarbeit mit den kantonalen IV-Stellen sowie ein ausgebautes Netzwerk von Partnerunternehmen ermöglichen es, diese Herausforderung zu meistern.

Die Orif: ihr Ursprung, ihre Mission

Die Orif wurde 1948 auf Initiative von Eltern mit behinderten Kindern gegründet und ist eine nicht gewinnorientierte Vereinigung. Sie ist heute an 9 Standorten in der Westschweiz vertreten. Jugendliche oder Erwachsene, die zur Orif kommen, leiden unter von der Invalidenversicherung (IV) anerkannten gesundheitlichen Problemen, die sie beim Bestreiten ihres Lebensunterhalts einschränken.

Die IV hat bei jedem gemeldeten Fall zu entscheiden, ob eine Person Anrecht hat:

o  auf eine Teilrente, eine Vollrente oder gar kein Anrecht auf eine Rente hat

o  auf Massnahmen der Frühintervention, z. B. Anpassungen am Arbeitsplatz

o  auf ein persönliches Job-Coaching, um einen neuen Arbeitsplatz zu finden oder

o  auf eine vollständige Ausbildung oder Anlehre für die Berufsfindung oder eine berufliche Neuausrichtung.

Die Orif sieht ihre Aufgabe in der Begleitung von Menschen. Kriterien wie die Fähigkeiten des jeweiligen Menschen, die wirtschaftliche Situation und die Arbeitsmarktlage sind für ein personenspezifisches Projekt ausschlaggebend. Ausgangspunkt sind immer die Fähigkeiten der jeweiligen Person. Dann werden die verschiedenen Berufswahlmöglichkeiten mit der realen Arbeitsmarktlage und dem Anrecht auf Massnahmen seitens der Invalidenversicherung in Einklang gebracht. „Die Ziele werden jeweils sehr genau anhand der persönlichen Bedürfnisse festgelegt, was unsere Stärke ist“, so ein Ausbilder am Standort in Pomy. „Alle, die bei der Orif in Pomy ein Ausbildungsprogramm absolvieren können, erhalten ein Zertifikat – sei es ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder ein Eidgenössisches Berufsattest (EBA). Beide Zertifikate ermöglichen eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt.“

Heute zählt die Orif in der Westschweiz 400 Mitarbeitende und hat ein Budget von 50 Millionen Franken. Am Standort in Pomy werden rund 150 Personen im Alter zwischen 15 und 60 Jahren betreut. Ein Drittel unter ihnen ist jünger als 25. Die drei Stärken von Orif sind:

o  die Nähe zur Wirtschaft

o  zertifizierte Ausbildungsgänge sowie

o  flexible Mittel für personenspezifische Projekte

Für wen sind die Dienstleistungen von Orif gedacht?

Alle Personen, die unter gesundheitlichen Problemen leiden und Anrecht auf Massnahmen der Invalidenversicherung haben, können an einem Programm der Orif teilnehmen. Es gibt ganz unterschiedliche Fälle: Da ist zum Beispiel der Bäcker, der eine Mehlallergie entwickelt, der Chauffeur, der unter schweren Rückenschmerzen leidet oder ein Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor, der ein Burn-out erleidet und nicht mehr mit Stresssituationen umgehen kann. Bei der Orif in Pomy, wo Leistungen für den tertiären Sektor angeboten werden, ist die einzige Bedingung, dass die Leute über eine entsprechende Schulbildung und Lernfähigkeit verfügen, um einem zertifizierten Ausbildungsgang (EBA oder EFZ) folgen zu können.

Die Orif ist bereits gut vernetzt

Im Gegensatz zur Arbeitslosenversicherung, die sich auf den Arbeitsmarkt konzentriert, kümmert sich die Orif um Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Direkte Kontakte zu den Arbeitgebern sind dabei von zentraler Bedeutung. Die Orif verfügt über einen Integrationsdienst, der den Austausch mit den Partnerunternehmen sucht. In diesem Zusammenhang besuchen die Ausbilder regelmässig die jeweiligen Unternehmen, um Kontakte herzustellen und aufrecht zu erhalten. Einmal im Monat finden zwecks Meinungsaustauschs auch Mittagessen statt, die sehr geschätzt werden.

Frühzeitige Intervention und schnellstmögliche Integration

Seit der letzten IV-Revision setzt man auf frühzeitige Intervention und eine Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess. Somit orientiert sich auch die Orif an diesen Zielsetzungen. Natürlich werden die verschiedenen Berufsmöglichkeiten aufgezeigt. Die betroffene Person soll aber auch Gelegenheit bekommen, zusammen mit ihrem Ausbilder über Massnahmen der Frühintervention zu entscheiden. Die jeweilige IV-Stelle kann zum Beispiel noch vor einem Grundsatzentscheid intervenieren, indem sie einer versicherten Person eine Berufsberatung, ein Job-Coaching oder gar ein Hilfsmittel bewilligt. Das Ziel dabei ist immer, die Person an ihrem Arbeitsplatz zu halten.

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Das Zentrum in Pomy

Interview mit Frau Sonja Randin, Ausbilderin und Betreuerin für sehbehinderte Menschen

Frau Randin, wodurch zeichnet sich das Zentrum in Pomy aus?

Das Zentrum funktioniert wie die anderen auch, allerdings ist bei uns der tertiäre Sektor sehr wichtig. Weiter ist es möglich, im Zentrum selbst 30 Personen unterzubringen, 15 bis 20 weitere in einem nahegelegenen Partnerhotel sowie acht Personen in zwei Wohnungen in der Stadt.

Wie sind Sie Betreuerin und Ausbilderin geworden?

Nach der Matur absolvierte ich ein Studium an der philosophischen Fakultät, unterrichtete auf der Sekundarstufe und war dann in der Verwaltung einer NGO tätig. Seit neun Jahren arbeite ich nun bei der Orif in Pomy als Ausbilderin und Betreuerin für sehbehinderte Menschen.

Warum haben Sie sich auf Sehbehinderung spezialisiert und weshalb ist Pomy das einzige Zentrum mit Schwerpunkt Sehbehinderung?

Das hat rein praktische Gründe. Das Zentrum in Pomy bietet Ausbildungsgänge für den kaufmännischen Bereich an, mit besonderem Schwergewicht auf Telefonempfang. Daher kamen auch Menschen zu uns, die ihre Arbeit aufgrund einer Sehbehinderung nicht mehr ausführen konnten und sich in diesem Sektor beruflich neu orientierten. Diese Art der Behinderung und die Massnahmen, mit denen die Schwierigkeiten der betroffenen Menschen verringert werden können, haben mein Interesse geweckt.

Können Sie uns einen Überblick über Ihre Aufgaben – insbesondere über diejenigen im Bereich Sehbehinderung – geben?

Wie bereits erwähnt, kommt eine betroffene Person zum Absolvieren einer Ausbildung zur Orif. Im Zusammenhang mit Sehbehinderungen nehmen wir dann die Dienste des Service Romand d’Informatique pour Handicapés de la Vue (Westschweizer Informatikdienst für sehbehinderte Menschen – SRIHV) oder des SZB für Hilfsmittel in Anspruch. Die Orif stellt den betroffenen Menschen entsprechendes Material zur Verfügung, das aber oftmals durch einen Spezialisten an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden muss. Darüber hinaus treten wir in Kontakt mit weiteren Spezialisten. Meine Arbeit besteht darin, zusammen mit der sehbehinderten Person die bestehenden Bedürfnisse mit den Angeboten der Dienstleister in Einklang zu bringen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Sehbehinderte Menschen sitzen beispielsweise meist in einer schlechten Haltung vor dem Bildschirm. Daher kommt einmal im Monat eine Ergonomin in unser Zentrum. Weiter sind wir dabei, Schwenkarme anzubringen.

Wie viele Personen absolvieren derzeit im Zentrum in Pomy eine Ausbildung?

In Pomy haben wir derzeit rund 150 Personen und über 120 absolvieren einen Zertifikatslehrgang. Die anderen befinden sich noch in der Abklärungsphase, sind auf der Suche nach einer beruflichen Tätigkeit oder mit einer Umschulung beschäftigt.

Was ist Ihrer Meinung nach die Stärke der Orif?

Die Orif berücksichtigt von Anfang an die Grenzen der Integrationsmöglichkeiten. Hat eine Person aber eine Ausbildung bei uns abgeschlossen, so kann sie mit ihrem erworbenen Zertifikat in den Arbeitsmarkt eintreten.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.