Sehbehinderung und Rehabilitation

von Denise Cugini

Unter diesem „ausführlichen“ Titel führte die Association pour le Bien des Aveugles et Malvoyants (ABA) aus Genf am 21., 22. und 23. September 2011 im Auditorium Marcel Jenny des Genfer Universitätsspitals (HUG) ein Symposium durch. Im Rahmen dieser Veranstaltung hat sich immer wieder gezeigt, dass im Zentrum einer interdisziplinären Zusammenarbeit zweifelsohne das Individuum steht.

Beim Lesen des Symposiumprogramms fiel mir die Vielfalt der behandelten Themen auf. Doch bereits am ersten Tag, an dem die Grundlagen der Rehabilitation und die therapeutischen Entwicklungen im Mittelpunkt standen, zeichnete sich eine Konstante ab: Es geht stets um das Individuum, den Kranken, den Patienten, den blinden oder sehbehinderten Menschen, und zwar unabhängig vom Beruf des Redners oder dem Vortragsthema – egal ob über technische oder therapeutische Aspekte oder die Invalidenversicherung gesprochen wird. Der Augenarzt Michel Matter hat es in seinem Vortrag mit dem Titel „Der richtige Zeitpunkt, um bei fortschreitendem Sehverlust mit der Rehabilitation zu beginnen“ auf den Punkt gebracht. Für ihn gibt es keinen idealen Zeitpunkt, um eine Rehabilitation zu beginnen. Er betonte, dass dieser Zeitpunkt da ist, sobald die betroffene Person bereit dazu ist. Weiter ist er auf die zweite Konstante, die andere unabdingbare Voraussetzung für eine optimale Rehabilitation, eingegangen: Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Partnern wie dem Arzt, den Rehabilitationsfachleuten, Lehrern, Arbeitgebern, den engsten Familienangehörigen und natürlich der betroffenen Person.

Die Präsentationen am zweiten Tag behandelten eher Themen mit einer soziologischen oder psychologischen Komponente wie Berufsberatung, Mehrfachbehinderung, die übrigen „Sinne“, ältere Menschen, Einsamkeit, Verlassen der eigenen vier Wände. Den Schlüsselbegriff oder vielmehr die drei Schlüsselbegriffe des Tages lieferte dann Stefan Spring in seiner Rede nach dem Film „Deafblind Time“ über erworbene Taubblindheit, nämlich Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation!

Zu den am Freitag behandelten Themen wie Spitzentechnologien für Sehbehinderte, virtuelle Bibliotheken, Fortbewegung in den Städten oder öffentlicher Verkehr mit all seinen „Hilfsmitteln“, bei denen es noch viele Hindernisse zu überwinden gilt, ist Folgendes zu sagen: Nur durch Zusammenarbeit können wir Fortschritte erzielen. Dabei müssen wir die Integration im Alltag fördern, damit diese nicht nur eine Worthülse bleibt. Ziel ist es, bei solchen Symposien künftig diese Themen als der Vergangenheit angehörig betrachten zu können und einen Schritt weiterzukommen.

 

Einige Fragen an André Assimacopoulos, Präsident des SZB und der ABA und Mitorganisator des Symposiums:

Herr Assimacopoulos, ist dieses Symposium 10 Jahre nach dem 100-Jahr-Jubiläum einfach ein guter Grund, um das 110-jährige Bestehen zu feiern?

Die 110 Jahre waren natürlich ein guter Vorwand, doch nicht der wahre Grund. In diesem Bereich fanden in den vergangenen Jahren so viele Veränderungen statt (neue Untersuchungsmethoden, neue Behandlungsarten, neue Technologien, Gesetzes-änderungen etc.), dass es an der Zeit war, Bilanz zu ziehen. Dazu kam, dass zwei der drei Mitorganisatoren in Pension gegangen waren und somit etwas mehr Zeit für die Organisation eines solchen Anlasses aufbringen konnten. So konnten wir also loslegen.

Man spricht gleichzeitig sowohl über die Finanzierung der IV als auch über die Grundlagen von Therapieformen und optischen Hilfsmitteln. Ein Zufall?

Die Rehabilitation ist als etwas Ganzheitliches zu betrachten. Man kann nicht über neue Therapieformen oder neue Hilfsmittel diskutieren, ohne die Versicherer mit einzubeziehen. Vor dem Hintergrund der neuen IV-Bestimmungen müssen aber auch die Mitarbeitenden der IV-Stellen mit den neuen Errungenschaften vertraut sein, um diese rechtzeitig und in vernünftigem Umfang bewilligen zu können – sei es bei der Frühintervention oder bei der Rehabilitation.

Der Titel des Symposiums deckt die verschiedensten Themenbereiche ab. Doch was ist mit der Krankenkasse?

Unser Bereich sieht sich noch nicht als eigenständiges Gebiet in der medizinischen Rehabilitation. Es geht nun darum, das Bewusstsein für eine multidisziplinäre Rehabilitation zu fördern, bei der den betroffenen Menschen Ingenieure, Ärzte, Ergotherapeuten und Sozialarbeiter zur Seite stehen. Wir müssen unsere Professionalität noch stärker herausstreichen und das Interesse der Augenärzte wecken. Erst wenn unser Bereich seine neue Identität aufgebaut hat, können wir auch quantifizieren, wie viel wir zur Unabhängigkeit der betroffenen Personen beitragen. Wir werden den Krankenversicherern aufzeigen können, in welchem Umfang sie durch unsere Arbeit Kosten sparen. Das ist der Grund, weshalb wir vorerst nur die IV, aber noch nicht die Krankenversicherer an unser Symposium eingeladen haben.