Wenn die Leinwand spürbar wird

von Ann-Katrin Gässlein

Kunst für Blinde und Sehbehinderte: Mit dem neuartigen und kreativen Projekt „Berühren Sehen“ hat das Walliser Kunstmuseum zusammen mit dem SBV ein Angebot entwickelt, das in diesem Jahr den Preis im nationalen Sehbehindertenwesen, die „Canne blanche“ erhielt. Was zeichnet dieses Angebot aus? Eine Spurensuche.

Warum entwickelt ausgerechnet ein Kunstmuseum, das wie kaum eine andere Institution auf visuelle Wahrnehmung setzt, eine Ausstellung für Blinde? „Man kann die Frage auch anders stellen“, meint Liliane Roh, Verantwortliche für Bildung und Vermittlung bei den Kantonsmuseen und Koordinatorin des Projekts: „Welche Personengruppe ist am meisten von der Kunst in kantonalen Institutionen ausgeschlossen? Da kommt man rasch auf Blinde und Sehbehinderte.“ Dabei sieht das 2004 in Kraft getretene Gesetz über die Gleichstellung sehbehinderter Personen vor, den Zugang zu Gebäuden, zu Information und Kultur zu erleichtern. Als 2007 das Kunstmuseum neu eingerichtet wurde, bot sich die Gelegenheit, zusammen mit der Section Valais Romand und der Beratungsstelle Sitten des SBV ein Angebot zu entwickeln, das auch blinden und sehbehinderten Personen zugänglich ist. „Berühren Sehen“ bezeugt unsere Bemühungen um Integration und unseren Willen zur Beseitigung von Schranken jeglicher Art, seien sie physischer, psychischer, gesellschaftlicher oder kultureller Art“, fasst Staatsrat Claude Roch zusammen.

Zum ersten Mal Zugang zur Malerei schaffen

Natürlich hatte das Walliser Kunstmuseum nicht als erstes die Idee, ein Angebot für ein sehbehindertes Publikum zu schaffen. Normalerweise stehen Skulpturen zur Verfügung. Aber der Zugang zur Malerei – ohne das Original zu berühren – ist nochmals eine andere Herausforderung. Diese Vermittlung geschieht in „Berühren Sehen“ nun dreistufig: durch zwei- und dreidimensionale Tastmodelle von Werken zum Anfassen, durch mehrsprachige, für Sehbehinderte konzipierte Audio-Guides und durch besondere Führungen. Dazu wurde das Personal des Kunstmuseums vor Ausstellungsbeginn entsprechend geschult.

Geschichtsträchtige Schlösser werden sicher

Trepp auf, Trepp ab, durch verborgene Türen hinaus und durch Seiteneingänge ins nächste Gebäude – im Walliser Kunstmuseum atmet eine langjährige Vergangenheit. Die Dauerausstellungen sind in den beiden Schlössern Majorie und Vidomnat, dem ehemaligen Sitz des Bischofs von Sitten<s>, </s>beheimatet. „Es war alles andere als einfach, ein Kunstmuseum, das in einem historischen Gebäude untergebracht ist, für blinde und sehbehinderte Personen zugänglich zu machen“, erzählt Liliane Roh. Mögen sich schon Personen sehenden Auges in den Ecken und Winkeln des Schlosses verirren, muss sehbehinderten Personen zunächst eine Vorstellung der Örtlichkeit vermittelt werden. Dafür ist im Eingangsbereich des Museums ein Modell mit der Breite einer Armspanne aufgestellt. Verschiedene Materialien zeigen, wo sich Mauern, Felsen, Grünflächen oder Wasserbecken befinden. Durch abnehmbare Dächer lässt sich in die Räume „hineinschauen“, um den eigenen Standort zu verorten. Der folgende Rundgang durch’s Museum wurde analysiert und gesichert: Mit Treppengeländern und Markierungen der Schwellen ist die Sicherheit und Orientierung für sehbehinderte Personen gewährleistet.

Gemälde in zwei- und drei Dimensionen

Das jüngste Kunstmuseum der Schweiz hat seit seiner Gründung 1947 die Aufgabe, regionales Kunstschaffen zu entdecken. Es verwundert daher nicht, dass schon der erste Raum seine Besucher mit dem Motto „Der erhabene Berg“ begrüsst. In dramatischen Licht-Schatten-Kontrasten, mit packender Aussicht und Wolkenansammlungen, oft in seiner Gewaltigkeit auch übertrieben dargestellt, erscheinen die Alpen auf Ölgemälden des 18. Jahrhunderts. Pionier der Gebirgsmalerei ist Caspar Wolf, dessen beiden Werke „Brücke und Dalaschlucht bei Leuk“ (um 1775) zur Inspirationsquelle des ersten „Tastmodells“ wurden. Mit verschiedenen Materialien wurden die Felsen, die filigrane Brücke, winzig erscheinende Menschen am Fuss der Schlucht vor dem schäumenden Gebirgsbach eingefangen. Wo die Sonne steht und in welchem Einfallswinkel Strahlen ins Wasser treffen – das erklärt die Mediatorin, während sie die blinden Besucher an das Werk heranführt.

Bei anderen Werken stehen andere Methoden, aber immer der Tastsinn im Vordergrund. Für „Die Wäscherinnen“ wurden verschiedenen Bildebenen in Rahmen gesetzt, die gleichsam weggeklappt werden können, um bis in den Hintergrund des Bildes vorzudringen. Zusätzliche Muster der bemalten Leinwand veranschaulichen die Maltechnik und den Pinselstrich – aber auch Materialien, wie die Steinmauer, den Waschtrog aus Holz und die Wolle der Kleider. „Eine Person, die von Geburt an blind ist, entwickelt Vorstellungen, die auf nichtvisuellen Wahrnehmungen beruhen, über andere Sinne – Tastsinn, Gehör, Geruch, Geschmack – und über den gesellschaftlichen und persönlichen Austausch“, erklärt Denise Javet, Ergotherapeutin für Sehbehinderungen bei der Beratungsstelle Sitten des SBV und Kunsthistorikerin. „Unsere Arbeit besteht nun darin, diese beiden Elemente zusammenzubringen und es so ermöglichen, eine eigene und persönliche Vorstellung des Bildes oder anderer visueller Phänomene zu machen.“ So gehört zur Ausstellung immer eine persönliche Begleitung; der Besuch wird interaktiv durch die Erzählungen und Beschreibungen der geschulten Führer. Daneben setzt das Museum auch auf einen speziellen Audio-Guide, der Kommentare zu 30 Werken auf deutsch, französisch und englisch vermittelt.

„Berühren Sehen“ erhielt die „Canne Blanche 2011“

Der nationale Preis im Sehbehindertenwesen zeichnet Projekte aus, die blinden, sehbehinderten und taubblinden Menschen in der Schweiz zugute kommen. Für diese Auszeichnung kommen bauliche, informative oder sozialpolitische Massnahmen, Ideen und Aktionen zugunsten betroffener Personen in Frage. Am 23. September wurde die „Canne blanche“ durch Dr. Guy Morin, den Regierungspräsidenten von Basel-Stadt überreicht:

"Auch Basel als Museumsstadt hat mehrere wegweisende Projekte im Kulturbereich entwickelt", sagte Regierungspräsident Dr. Guy Morin in seiner Laudatio. Er freue sich, dass die Preisübergabe in der "blindekuh" stattfinde, in der ebenfalls diese Art von Integration gelebt werde, die "zu einer Bereicherung für alle führt." In dem Dunkelrestaurant begeben sich sehende Menschen für eine begrenzte Zeit in die Wahrnehmungswelt nicht sehender Menschen.

Fruchtbare Zusammenarbeit mit dem SBV

Drei Jahre dauerte es, bis die Idee, Kunst für Blinde zu schaffen, Realität wurde. Um ein Publikum zu erreichen, das Kunst mit anderen Sinnen als dem Sehen wahrnimmt, fand sich eine Arbeitsgruppe zusammen, die unterschiedliche Horizonte und Kompetenzen vereinigt: Fachleute des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands SBV, sehbehinderte Personen, Kunsthistoriker und Empfangspersonen des Museums, Führer und Mediatorinnen der Kantonsmuseen. „Für uns, die wir sehbehindert oder blind sind, stellt „Berühren Sehen“ eine Einladung dar, uns einen Kulturraum anzueignen und uns für eine museale oder künstlerische Demarche zu öffnen“, so Kannarath Meystre, Zentralsekretär des SBV. Gleichzeitig habe die Zusammenarbeit ein Projekt hervorgebracht, das sich auch an gut Sehende richtet. Also ein sensorischer Gewinn für beide Seiten: „Sich den Kunstwerken durch Tasten und Hören anzunähern, heisst gleichzeitig, sie auf eine neue Art zu „sehen“, so Marie Claude Morand, Direktorin der Walliser Kantonsmuseen.

„Berühren Sehen“

Seit einem Jahr ist „Berühren Sehen“ für blinde und sehbehinderte Personen zugänglich. Noch bis Ende 2011 sind alle Führungen für blinde und sehbehinderte Personen gratis. Detaillierte Informationen zu den Führungen auf Anfrage oder auf der Website: www.museen-wallis.ch