"Wir sollten es genauer wissen"
von Ann-Katrin Gässlein
Ein Novum im Sehbehindertenwesen: Ab Januar 2012 wird der SZB eine eigene Forschungsstelle einrichten. Sie wird nicht selber Forschung betreiben, jedoch Schnittstellen zwischen Forschung und Praxis, zwischen Hochschulen und Beratungsstellen, Schulen, Wohneinrichtungen usw. einnehmen. „Forschungsbeauftragter“ wird Stefan Spring, der während den letzten neun Jahren das Ressort Taubblinden-Beratung im SZB geleitet hat.
Lieber Stefan, Gratulation zu deiner neuen Aufgabe, die du am Januar 2012 antreten wirst. Was war deine Motivation, die Leitung der sieben SZB Beratungsstellen für hörsehbehinderte und taubblinde Menschen zu verlassen?
Die Leitung und Weiterentwicklung der Beratungsstellen hat mir sehr gut gefallen und ich wäre auch gerne Ressortleiter geblieben. Aber die neu eingerichtete Forschungsstelle ist ein Glücksfall für mich, und ich habe die Chance für den Wechsel ergriffen. Denn ich habe in meiner Arbeit immer wieder gemerkt, dass ich mich nicht gerne mit „Scheinwahrheiten“ zufrieden gebe. Erfahrungswerte der Fachleute sind wichtig und dürfen nicht ausser Acht gelassen werden, aber bei den Fragen zu Sehbehinderung, Blindheit und Taubblindheit gibt es in einigen Bereichen noch zu wenig Wissen, das auf objektiven Analysen und Untersuchungen gründet.
Gibt es denn bisher keine Forschung im Sehbehindertenwesen?
Natürlich gibt es Bereiche, in denen bereits viel gemacht wird: Retina Schweiz zum Beispiel unterstützt und koordiniert die medizinische Forschung im Bereich der Augenkrankheiten, und auch bei der Schulung sehbehinderter Kinder ist schon viel ermittelt worden. Auch die Entwicklung und Erprobung von Hilfsmitteln ist mit einer Art Forschungsarbeit verbunden. Ein weiteres Beispiel wäre die Entwicklung der Low Vision. Andere Bereiche dagegen liegen ziemlich brach. Welche soziologischen, psychologischen und mentalitätsgeschichtlichen Phänomene bringen Sehbehinderung und Blindheit mit sich? Wie wirkten und wirken sie sich z.B. auf Bildung, Beruf und Arbeit aus? Wie sehen die Verbindungen zwischen Sehbehindertenwesen und Altersarbeit aus? Was passiert auf dem Arbeitsmarkt zahlenmässig in Zusammenhang mit den IV-Revisionen? Und wo ist ein korrektes Monitoring zu den kantonalen Integrationspolitiken im schulischen Bereich? Was haben wir überhaupt für statistische Angaben zu unserer Arbeit, zu unseren Forderungen? Wie können wir da zu besseren Grundlagen gelangen? Und nicht zu vergessen: Zur Lebenssituation taubblinder Menschen gibt es bisher eine einzige erste und erst partielle Untersuchung!
Und der SZB sieht es als seine Aufgabe, dieses Vakuum zu füllen?
Im SZB können Themen für Forschung und Entwicklung zugunsten blinder, sehbehinderter und taubblinder Menschen schweizweit aufgenommen, formuliert, weiter vermittelt und in der Umsetzung kontrolliert werden. Das wurde bereits in der Studie über die Lebenslagen hörsehbehinderter und taubblinder Menschen gemacht. Und etwas früher auch für den Bereich der Sehbehinderungen bei geistig- oder mehrfachbehinderten Menschen angestossen.
Kannst du das näher erläutern?
Der SZB war bisher nicht selbst in der Forschung tätig und wird es auch in Zukunft nicht sein. Das ist gar nicht unsere Aufgabe! Die beiden genannten Studien wurden an Fachhochschulen in Auftrag gegeben. Damit war unsere Arbeit aber nicht erledigt: Gemeinsam mit Betroffenen und Fachpersonen haben wir die Studienfragen überhaupt erst entwickelt und am Schluss zusammen mit der Hochschule die Ergebnisse diskutiert. Danach wurden die Resultate auf vielen Wegen wieder an die Fachpersonen und auch an die interessierten Betroffenen zurückgegeben. Es geschah eine Interaktion zwischen Forschungseinrichtung und Praxistätigkeit; und das entspricht genau meiner Vorstellung von interventionsgerichteter Forschung. Ich bin kein „Grundlagenmensch“, der Wissen auflistet.
Das heisst, dass der SZB vor allem auf Kooperationen setzt, um Ergebnisse zu erhalten. Welche Institutionen kommen für eine Zusammenarbeit in Frage?
Ich zähle auf Partnerschaften in zwei Richtungen: mit Praktikern und Institutionen des Sehbehindertenwesen und mit Forschungseinrichtungen. Bei den Letzteren denke ich in erster Linie an die Fachhochschulen für Heilpädagogik aber auch solche mit technischer Ausrichtung, die z.B. im Bereich der Optik tätig sind. Interessant sind die Fachhochschulen in der Westschweiz, im Tessin und in der Nordwestschweiz, welche Schwerpunkte bei der Rehabilitation von erwachsenen behinderten Menschen legen. Die Fachhochschule in Bern wiederum hat ein Kompetenzzentrum für Altersfragen. An verschiedenen Universitäten gibt es Institute für Soziale Arbeit, Soziologie, Psychologie und Heilpädagogik und in Zürich eines für Sonderpädagogik sowie ein Zentrum für Gerontologie. Und dabei kenne ich diese Landschaft ja noch nicht vollständig.
Für die Umsetzung wünsche ich mir z.B., dass sich mehr Masterarbeiten an Hochschulen und Fachhochschulen mit Themen aus dem Sehbehindertenwesen beschäftigen. Dort werden bisher aber zum Teil praxisfremde Fragestellungen bearbeitet; zum Beispiel interessieren sich Studierende dafür, ob Blinde in Farben träumen oder nicht (lacht). Viel wichtiger wäre aus meiner Sicht eine Untersuchung, wie es mit dem Umgang im Bereich der Informatik bei älteren sehbehinderten Menschen aussieht. Oder wie sich die Kriterien für die Hilflosenentschädigung im Falle von Sinnesbehinderung entwickeln oder präzisieren liessen. Solche Angaben wären strategisch und versicherungspolitisch doch eher wichtig, als Farben in den Träumen oder? Die Stelle wird aber auch in der Lage sein, zusammen mit Sponsoren und Förderprogramme wie der Nationalfonds ab und zu einen Studienauftrag an Universitäten oder Fachhochschulen zu erteilen, oder sich bei grösseren nationalen und internationalen Studien zu beteiligen.
Welche anderen Partner kann es für den SZB geben?
Das Bundesamt für Statistik BfS wird eine zentrale Anlaufstelle für mich sein. Von dort sollten wir die Zahlen, die für unsere Entwicklung relevant sind, erhalten, vorausgesetzt es gelingt uns, unsere Fragestellungen in die langfristig geplanten Statistiken des Bundes zu verankern. Das wäre ein grosser Fortschritt.
Wie muss man sich das vorstellen?
Ich mache ein Beispiel, weiss heute aber natürlich nicht, ob das dann möglich sein wird: Alle zehn Jahre veröffentlicht das BfS in Neuchâtel einen Bericht über die Gesundheit der Schweizerischen Bevölkerung. Darin werden die Ergebnisse mehrere regelmässig durchgeführten Erhebungen zusammengefasst. Bisher wurde darin gefragt, wer Mühe mit dem Lesen habe. Wir sollten das genauer wissen und möchten die Fragen dazu detaillierter stellen. Auch das Schweizerische Gesundheitsobservatorium OBSAN könnte zu unserem Netzwerk gehören.
Und im Sehbehindertenwesen selbst? Wird dort auch ein „Forschungs-Netzwerk“ entstehen?
Das ist absolut zwingend! Ohne das ist ja gar keine Schnittstelle möglich. Ich werde mich an die Konferenzen der Stellenleitenden der Beratungsstellen, in denen ich bislang bereits Mitglied war, wenden. Dort geschieht ein enormer Wissensaustausch. Man befasst sich mit neuen Entwicklungen bei den Klienten, nimmt Veränderungen bei der Altersgruppe wahr oder diskutiert die so genannten Einstiegsthemen – der Auslöser, der eine Person dazu bringt, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Hier können wir interessante Umfragen lancieren und die Praxis begleiten. Dasselbe gilt für die SZB Kommissionen, für die Fachgruppen in der Rehabilitation, für die Institutions- und Heimleiterkonferenzen usw. Ich will auch Kontakte pflegen zur Interessenvertretung und in diesem Sinne speziell zu den Selbsthilfeorganisationen. In all diesen Gruppen entstehen Fragen, die aktuell und zukunftsweisend sind. Mit denen kann ich mich dann an die Forschungseinrichtungen wenden. Es ist auch vorgesehen, ein Begleitgremium zu den Forschungsbemühungen aufzubauen.
Im SZB führen wir eine Fachbibliothek, deren grosser Wert in der Aufarbeitung von Themen liegt: durch Verschlagwortung, Recherchen und Querverweise. Das ist Know how, das ich nutzen kann. Dann planen wir eine eigene Publikationsreihe, in der Studienergebnisse lesefreundlich und ansprechend aufbereitet werden, ähnlich wie in der Publikation „Taubblindheit: Den Tatsachen ins Auge gesehen“, die im Februar 2011 erschienen ist. Dazu möchte ich alle bestehende oder auch erst angedachte Projekte auf der SZB-Website präsentieren und dadurch zur Mitarbeit aufrufen! Schliesslich muss man Forschungsideen bekannt geben, wenn man auf der Suche nach Kooperationspartnern ist und nicht erst wenn der Schlussbericht vorliegt!
Und was geschieht dann mit den Forschungsergebnissen?
Diese können für die Praxis fruchtbar gemacht werden, in der Beratungsarbeit, in Alterseinrichtungen, Pflegeheimen, Spitälern, in der Aus- und Weiterbildung, Öffentlichkeitsarbeit, Interessensvertretung, in den Gremien der Mitgliedsorganisationen des SZB und überhaupt in allen Bereichen, wo man mit sehbehinderten, blinden und hörsehbehinderten Menschen zu tun hat. Es warten grosse Aufgaben auf uns. Dank der Fort- und Weiterbildung, den bestehenden Publikationen in unserem Bereich, den Kommissionen und Arbeitsgruppen, die ja alle schon bestehen, hat die Forschungsstelle aber eine hervorragende Ausgangslage, um mit Geduld und Beharrlichkeit mehr gesicherte Erkenntnisse zu gewinnen und in die Strategiediskussionen und in die konkrete Arbeit einzubauen. Vieles wird ja schon hervorragend gemacht! Ich werde es nach Möglichkeiten gerne unterstützen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Kontakt:
Schweizerischer Zentralverein für das Blindenwesen SZB
Stefan Spring, Forschungsbeauftragter
Ausstellungsstrasse 36
8005 Zürich
Telefon 079 617 22 34
spring(at)szb.ch
